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Die MART-Sammlungen, die 1987 aus den Kunstsammlungen der Provinz und der Gemeinden Trient und Rovereto entstanden sind, wurden im Laufe der Jahre durch Schenkungen von privaten Sammlern und Stiftungen bereichert. In den Sälen im ersten Stock des von Mario Botta entworfenen Gebäudes ist eine Auswahl dieses Erbes zu sehen, das etwa 20.000 Werke mit dem Schwerpunkt auf der italienischen Kunst umfasst.
Die Ausstellung beginnt mit den roten Sälen der Fragmente einer Geschichte, einer Abteilung, die den Sammlungen gewidmet ist, die einst am ersten Standort des Museums, dem Renaissance-Palazzo delle Albere in Trient, ausgestellt waren.
In den weißen Räumen wird hingegen die Geschichte der Erfindung der Moderne von Medardo Rosso bis zu den Divisionisten, vom Futurismus bis zur abstrakten Kunst, über die Protagonisten der Metaphysik, des italienischen Novecento und des magischen Realismus erzählt.

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giustiniano degli avancini

Nello studio del pittore

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Bartolomeo Bezzi

Giorno di magro

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Andrea Malfatti

Schiava ribelle

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Luigi Bonazza

La leggenda di Orfeo/ Rinascita d’Euridice/ Morte d’Orfeo

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Umberto Moggioli

Campagna a Treporti

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Die Kollektionen

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Medardo Rosso

Carne altrui

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Umberto Boccioni

Nudo di spalle

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Carlo Carrà

Composizione TA

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Carlo Carrà

Le figlie di Loth

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Arturo Martini

Il poeta Cechov

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Giorgio de Chirico

La matinée angoissante

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Giorgio de Chirico

Autoritratto con la madre

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Mario Sironi

Il povero pescatore

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Marino Marini

Pugile

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Felice Casorati

Beethoven

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Carlo Carrà

Ciò che mi ha detto il tram

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Giacomo Balla

Linee forze di paesaggio + giardino

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Gino Severini

Ritratto di Madame M.S.

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Tullio Crali

Le forze della curva

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Fortunato Depero

Movimento d’uccello

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SAAL 9 UND 10

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Manlio Rho

Composizione

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Fausto Melotti

Contrappunto domestico

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Fausto Melotti

Scultura n. 23

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Giustiniano Degli Avancini (Levico, TN, 1807 – Venedig, 1843)
Nello studio del pittore (Il pittore e la sua famiglia) – Im Atelier des Malers (Der Maler und seine Familie), (1839-1843)
Ölgemälde auf Leinwand, 95,5 x 118 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Autonome Provinz Trient – Aufsichtsbehörde für Kulturgüter

Unser Rundgang durch die Mart-Sammlungen beginnt mit einem Werk von Giustiniano degli Avancini mit dem Titel Nello studio del pittore (Im Atelier des Malers), das zwischen 1839 und 1843 entstanden ist. Das Gemälde gehört zu einer Übergangsperiode vom Neoklassizismus, in dem der Künstler ausgebildet wurde, zum Realismus des 19. Jahrhunderts.
Es ist ein Konversationsstück, in dem die Personen im Gespräch dargestellt werden. Dieses seit dem 17. Jahrhundert in den Niederlanden und in England verbreitete Genres zeigt Szenen aus dem Familienleben mit Gruppen von Personen im Gespräch.
Das Gemälde stellt den Künstler dar, wie er eines seiner Werke seinen Eltern und einem Bekannten vorführt. Die Beziehung zwischen den Figuren wird durch das Spiel der Blicke und die Bewegung der Hände betont, so dass der Eindruck eines realen Moments entsteht. Gleichzeitig wirkt die Komposition sorgfältig durchdacht und erinnert an Tizians Il concerto interrotto (Das unterbrochene Konzert), das durch eine ähnliche Geste und den Austausch von Blicken belebt wird.
Seine Studienjahre in Rom brachten den Maler aus Trient der puristischen Tendenz der Nazarener näher. Diese Gruppe deutscher Maler lebten im ehemaligen Franziskanerkloster San Isidoro und ließen sich von der italienischen Kunst des 15. Jahrhunderts inspirieren.

Bartolomeo Bezzi (Fucine di Ossana, TN, 1851 – Cles, TN, 1923)
Giorno di magro – (Fastentag), 1895
Ölgemälde auf Leinwand, 136,6 x 200 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Depot der Aufsichtsbehörde für Archäologie, Kunstgüter und Umwelt der Stadt Neapel

Bartolomeo Bezzis Giorno di magro ist Teil einer Sammlung großer Gemälde mit venezianischen Motiven auf den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Das Thema ist typisch für das Genre, das im 16. Jahrhundert in Flandern entstand, um Momente aus dem Alltag darzustellen. Hier sehen wir einen venezianischen Platz mit Straßenhändlern und Frauen auf dem Fischmarkt. Die Szene ist mit einer Fleckenmalerei dargestellt, bei der sich das Hell-Dunkel und die Farbe von der Starrheit der Zeichnung abhebt und die Unmittelbarkeit des visuellen Eindrucks einfängt.
Bezzi ist ein aus dem Trentino stammender Maler, der zwischen 1851 und 1923 lebte. Nach dem Besuch der Brera-Akademie in Mailand, wo er sich aktiv an der Debatte über den Impressionismus beteiligte, lebte er zwischen Verona und Venedig und stellte auf den wichtigsten internationalen Ausstellungen aus. Er widmete sich hauptsächlich der Landschaftsmalerei, war aber auch in der Genremalerei tätig, die vom venezianischen Maler Giacomo Favretto beeinflusst wurde.
Im Hintergrund dieses großen Gemäldes taucht eine Landschaft auf, die wegen der Farbtöne und der grauen Schleier, die dem Werk eine typische melancholische Ader von Regentagen verleihen, welche nur durch das Rot und Grün der Schals der beiden Frauen im Vordergrund erhellt werden. Es ist ein lebendiges und frisches Gemälde, das – wie die veristische Literatur jener Zeit die „Menschen in ihrem Alltag“ schildert – eine Momentaufnahme das Leben zeigt, ein Gefühl der Aktualität suggeriert und die Gegenwart festhält.

Andrea Malfatti (Mori, TN, 1832 – Trient, 1917)
Schiava ribelle – (Rebellische Sklavin), (1883)
Gips, 77 x 50 x 40 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Gemeinde Trient

Dieses Werk Schiava rebelle von Andrea Malfatti aus dem Jahr 1883 ist Teil der Gipsoteca, die der Trienter Bildhauer 1912 der Stadt Trient gegen eine Leibrente schenkte.
In den etwa dreihundert Stücken dieser bedeutenden Sammlung, die heute im Mart aufbewahrt wird, sind hauptsächlich romantischen und veristischen Themen dargestellt. Diese Skulptur entspricht das orientalische Thema der damals modernen Exotik und verbirgt eine patriotische Botschaft: Die rebellische Sklavin ist in Wirklichkeit eine Allegorie des Trentino, das Österreich unterworfen ist.
In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war Malfatti ein erfolgreicher Künstler, der auf der Pariser Weltausstellung von 1878 im Mittelpunkt stand. Der an der Brera-Akademie in Mailand ausgebildete Maler wurde er vom neoklassizistischen Erbe Canovas beeinflusst. Er beteiligte sich gleichzeitig durch die Wahl von Themen, die die Ideale des Risorgimento interpretierten, an der Erneuerung im realistischen Sinne, die das Mailänder Umfeld prägte.
Als er nach Trient zurückkehrte, wurde er mit der Restaurierung des antiken Neptunbrunnens auf der Piazza Duomo betraut und schuf Büsten berühmter Persönlichkeiten für den städtischen Friedhof. Als leidenschaftlicher Irredentist wurde er während einer Spendensammlung für Garibaldi in Innsbruck inhaftiert. Ab diesem Zeitpunkt inspirierte seine patriotische Überzeugung einige seiner Werke, wie diese Frauenfigur.

Luigi Bonazza (Arco, TN, 1877 – Trient, 1965)
La leggenda di Orfeo/ Rinascita d’Euridice/ Morte d’Orfeo – (Die Legende des Orpheus/Wiedergeburt der Eurydike/Tod des Orpheus), 1905
Ölgemälde auf Leinwand
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Depot SOSAT

Dieses Triptychon ist ein Frühwerk von Luigi Bonazza, einem Künstler aus dem Trentino, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Blütezeit der Sezession in Wien ausgebildet wurde. Das Gemälde ist das Ergebnis einer langen Analyse des Mythos von Orpheus und Eurydike und insbesondere von Ovids Metamorphosen und Virgils Georgien inspiriert wurde. Die Erzählung wird durch drei Episoden innerhalb eines kunstvollen Rahmens mit Elfenbein- und Messingeinsätzen unterbrochen, welche die Symbole der Poesie und der Musik darstellen.
Auf der mittleren Tafel sehen wir Orpheus, den obersten Dichter, der mit seinem Gesang die Tiere und die Naturgewalten besänftigt, während er die Leier spielt.
Das Bild links zeigt seinen Abstieg in die Unterwelt, um Eurydike zu retten. Nachdem er alle Hindernisse überwunden hat, erhält er die Erlaubnis seine Geliebte unter einer Bedingung mitzunehmen: Er darf sich nicht nach ihr umdrehen, bevor sie den Hades verlassen haben. Doch Orpheus bricht sein Versprechen und Eurydikes Schatten wird erneut von der Unterwelt verschluckt.
Die rechte Tafel stellt den dramatischen Epilog der Geschichte dar, in dem Orpheus von den Bacchae getötet wird, weil er sich ihnen nicht angeschlossen hat, da er Eurydike ewige Liebe geschworen hatte.
In Bonazzas Werk verflechten sich verschiedene Einflüsse: Die Form des Triptychons erinnert an die antike Kunst, die dekorativen Elemente an die Kostbarkeit der sezessionistischen Kunst von Gustav Klimt, während die pointillistische Technik mit dem französischen Postimpressionismus verbunden ist.

Umberto Moggioli (Trient, 1886 – Rom, 1919)
Campagna a Treporti – (Landschaft bei Treporti), 1913
Ölgemälde auf Leinwand, 105 x 136 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Autonome Provinz Trient – Amt für Kulturerbe, Schenkung der Erben von Francesco Moggioli

Schon als Jugendlicher interessierte sich Umberto Moggioli für die Landschaftsmalerei und schuf Freilichtansichten von der Hügellandschaft rund um die Stadt Trient. Ab 1904 besuchte er die Akademie der Schönen Künste in Venedig. In diesen Jahren konzentrierte sich seine Arbeit auf Lagunenmotive, die er mit großer kompositorischer Freiheit und schnellen, dichten Pinselstrichen darstellte. Mit gerade 20 Jahren hatte er seine erste Einzelausstellung im Ca’ Pesaro, einem Ausstellungshaus für Experimente junger Künstler. Hier wird er mit seiner Malerei bekannt, die in der Lage ist, die mit den Jahreszeiten und den wechselnden Tageszeiten verbundenen atmosphärischen Eindrücken wiederzugeben.
Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs lebte Moggioli auf der Insel Burano, wo er diese und viele andere Landschaften schuf, die von der Stille der Landschaft geprägt sind und in denen der Naturalismus seiner frühen Werke mit Anregungen aus der symbolistischen Kunst angereichert ist. Das Hauptmotiv dieser Kompositionen ist der Himmel, die Bäume, die Felder und die Lagune, obwohl sie auch menschliche Figuren enthalten, wie diese über Erdschollen gebeugte Bäuerin.
Während des Krieges war der Künstler als Kartograph tätig, wurde aber wegen einer schweren Krankheit in ein Genesungsheim in Turin verlegt. Im Jahr 1916 reist er nach Rom, wo ihm der Mäzen Alfred Strohl ein Atelier im Park seiner Villa zur Verfügung stellt. Hier begann Moggioli erneut zu malen und experimentierte mit einem neuen Stil, der durch das intensive römische Licht beeinflusst wurde. In der stimmungsvollen und angenehmen Atmosphäre der Villa verbrachte Moggioli seine letzten Jahre: „Mein Temperament wird immer deutlicher erkennbar. Die Melancholie ist verschwunden. Was dabei herauskam, ist eine fröhliche, heitere, optimistische Kunst. Ich brauche nur wenig: Farben, eine Leinwand, eine kleine Unterkunft, aber vor allem schöne Tage“.
Er starb 1919 vorzeitig an Spanischem Fieber.

Medardo Rosso (Turin, 1858 – 1928)
Carne altrui – (Anderer Leute Fleisch), 1883-1884
Wachs, 41 x 36 x 15 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Sammlung der VAF-Stiftung

Medardo Rosso ist einer der wichtigsten Vertreter der modernen Bildhauerei, ein Vorläufer einer neuen Auffassung von plastischer Gestaltung, die sich im 20. Jahrhundert voll entfaltete. Während seines langen Aufenthalts in Paris war er mit den Impressionisten in Kontakt, und nach seiner Rückkehr nach Italien wurde er von den Futuristen geschätzt. Seine Kunst kann zwischen verschiedenen Avantgarden eingereiht werden, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden sind.
Seine Forschungen haben ihren Ursprung im naturalistischen Bereich: Während seines Studiums an der Akademie der Schönen Künste in Brera näherte er sich der Gruppe der Mailänder Scapigliatura, doch als er 1889 in die französische Hauptstadt zog, wurde seine Arbeit vom Bildhauer Auguste Rodin und den impressionistischen Malern beeinflusst.
Mit der impressionistischen Poetik ist Medardos Forschung über das Licht mit Hilfe der Fotografie und die flüchtige Vision des „Augenblicks“ verbunden, mit der er Detail fokussieren kann, während der Rest undefiniert bleibt. Der Künstler ist für seine „unvollendeten“ Skulpturen bekannt, die sich im Raum auszudehnen scheinen und die Kontinuität mit der umgebenden Atmosphäre suchen. Er arbeitet mit verschiedenen Materialien, bevorzugt aber solche, die sich für eine schnelle Modellierung eignen, wie Terrakotta und Wachs.
In offenem Gegensatz zur traditionellen Kultur stellt der Künstler manchmal unziemliche oder schäbige Themen dar. Carne Altrui zeigt uns das Gesicht einer traurigen Prostituierten, die aus einer Masse von Rohmaterial herauszutreten scheint, das aus einem einzigen Blickwinkel betrachtet werden soll. Medardo tendiert nämlich dazu, die Vollplastik aufzugeben und die Rückseite der Skulptur undefiniert zu lassen.
Der „einzige große moderne Bildhauer“ – wie Boccioni ihn im Manifest der futuristischen Bildhauerei definierte – steht damit vor der noch nie dagewesenen Herausforderung: „die Materie vergessen zu machen“.

Umberto Boccioni (Reggio Calabria, 1882 – Sorte, VR, 1916)
Nudo di spalle (Controluce) – Akt von hinten (im Gegenlicht), 1909
Ölgemälde auf Leinwand, 61 x 55,5 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Kollektion L.F.

Die halbe Büste einer älteren auf einem Stuhl sitzenden Frau mit ihrer Hüfte und ihrem rechten Arm an der Lehne, dem Gesicht im Profil und mit nacktem Rücken, ist in ein warmes, intensives Licht gehüllt, das sie im Gegenlicht in einer Vielzahl von Farben erstrahlen lässt. Umberto Boccioni malte diese unzähligen Schimmer mit reinen Farbsträngen, die nach der im Atelier seines Meisters Giacomo Balla erlernten divisionistischen Technik ineinander verwoben sind und von der kurz zuvor in Paris gesehenen postimpressionistischen Malerei beeinflusst ist.
Die ungewöhnliche Wahl des Motivs, ein Akt, in dem die Mutter des Künstlers Cecilia Forlani zu erkennen ist, stammt wahrscheinlich aus einer Montage ihres Gesicht, das in anderen Zeichnungen und Gemälden dargestellt ist, auf dem Körper eines Modells, an den er sich aus einem berühmten Gemälde von Toulouse-Lautrec erinnert.
Umberto Boccioni starb 1916 im Alter von nur 34 Jahren während einer Militärübung. Seine künstlerische Parabel ist schnell und intensiv. Er ist einer der Protagonisten des Futurismus, der die typische Experimentierfreudigkeit und Offenheit für Neues der Avantgarde-Bewegung verkörpert.
Der Künstler entwickelt eine persönliche Bildkonzeption in einem Geflecht aus reinen und komplementären Farben auf einer Komposition, die von dynamischen Linien und Lichtstrahlen durchzogen ist, welche in der späteren Produktion dazu neigen, die Formen zu zerlegen und zu durchdringen. In diesem Frühwerk, das noch mit einer eher naturalistischen Sichtweise verbunden ist, kann man bereits die Grundlagen seiner Forschungen über den Ausdruck von Energie, dynamischen Strömungen und Stimmungen erkennen.
Nur ein Jahr später gehört er zu den Unterzeichnern des Manifests Pittura Futurista, das eine radikale Wende darstellt, die der Künstler mit diesen Worten anzukündigen scheint:
„Ich möchte alle Werte, die ich kannte, die ich kenne und die ich aus den Augen verliere, auslöschen, um sie neu zu schaffen und auf neuen Grundlagen neu aufzubauen! Die ganze wunderbar große Vergangenheit erdrückt mich, ich will etwas Neues!“

Carlo Carrà (Quargnento, AL, 1881 – Mailand, 1966)
Composizione TA (Natura morta metafisica) – (Komposition TA) (Metaphysisches Stilleben), 1916 – 1918
Ölgemälde auf Leinwand, 70,5 x 54,5 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Sammlung der VAF-Stiftung

Carlo Carrà, der bereits ein Hauptdarsteller der futuristischen Avantgarde war, wandte seine Forschung ab der zweiten Hälfte der 1910er Jahre der Kunst des 14. und frühen 15. Jahrhunderts zu, von der er zu einer Darstellung aus unkritischen, fast schon naiven archaischen Eindrücken kam. Das Studium der alten Meister führte ihn zu einer figurativen Synthese, welche die Suche nach einem modernen Klassizismus kennzeichnet. Carrà hatte das Bedürfnis, sich von den für den Futurismus typischen Themen Geschwindigkeit und Dynamik zu lösen und eine stärker realitätsorientierte Forschung zu betreiben.
Während des Ersten Weltkriegs wird er in das Militärkrankenhaus von Ferrara eingeliefert, wo er Giorgio de Chirico kennenlernt, der zu jener Zeit mit seinem Bruder Alberto und dem jungen Ferrareser Maler Filippo de Pisis die theoretischen Grundlagen der metaphysischen Malerei teilt.
Die Composizione TA gehört zu diesem Moment in Carràs Forschung. Der Künstler hatte 1916 begonnen, das Bild in einem Stil zu malen, der an den synthetischen Kubismus erinnerte. Im folgenden Jahr führte ihn die Begegnung mit de Chirico jedoch dazu, einen poetischen Stil mit schwebenden und geheimnisvollen Atmosphären anzunehmen. Im Laufe seiner langen Ausarbeitung nimmt das Werk nach und nach figurative Elemente auf, die typisch für die metaphysische Sprache sind, wie die architektonische Verkürzung, der Pfahl im Vordergrund und die dunklen Schatten, die unerwartete Geometrien werfen. Das Vorhandensein von Buchstaben und Zahlen hat hier eine andere Nuance als die Verwendung von Schriftzeichen in futuristischen Werken oder kubistischen Collagen. Sie unterstreicht den rätselhaften Charakter dieser Komposition, als wäre sie ein unlösbares Rätsel.

Carlo Carrà (Quargnento, AL, 1881 – Mailand, 1966)
Le figlie di Loth – (Loths Töchter), 1919
Ölgemälde auf Leinwand, 111 x 80 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Sammlung der VAF-Stiftung

Carlo Carràs Werk Le figlie di Loth ist von wesentlich für das Verständnis des Klimas in der italienischen Kunst
zwischen Ende der 1910er und Anfang der 1920er Jahre, als einige der Protagonisten der Avantgarde das Bedürfnis verspürten, ihre Forschungen zu überdenken und einen Dialog mit der Kunst der Vergangenheit aufzunehmen.
In diesem Gemälde erkennt man die Wiederentdeckung der Malerei von Giotto und Masaccio, die Carrà mit einem neuen Vokabular archaischer, lyrischer Formen in einer zeitlosen Atmosphäre inspiriert haben, welche die Strömungen wie Metaphysik und Magischer Realismus auszeichnet.
Das Gemälde stellt eine biblische Episode dar. Loth, seine Frau und ihre beiden Töchter sind die Gerechten, die vor der Zerstörung Sodoms gerettet werden sollen. Nach dem Tod seiner Frau – die gegen das göttliche Gebot verstoßen hatte, sich nicht umzudrehen und die brennende Stadt zu betrachten – machen sich Loth und seine Töchter auf den Weg ins Exil. Da sich diese um den Nachwuchs für die Familie sorgen, beschließen sie, ihren Vater mit Wein zu berauschen und mit ihm zu schlafen.
Der Künstler weicht entschieden von der traditionellen Darstellung dieses Themas ab, indem er aus der Szene den Patriarchen und ausdrückliche Hinweise auf die Geschichte entfernt. Die beiden Schwestern erscheinen hieratisch und feierlich in dem Moment, in dem die eine der anderen die inzestuöse Absicht erklärt.
Die Komposition besteht aus drei Ebenen: die erste von den Formen der beiden Frauenfiguren und des Hundes geprägte Ebene ist ein Verweis auf ein Fresko von Giotto in der Scrovegni-Kapelle in Padua, die sich durch die langgestreckten und stilisierten Formen der Kunst des 14. Jahrhunderts auszeichnet. Die zweite ist durch die perspektivische Fuge des Bodens und des Hauses gekennzeichnet, die auch an die Kulissen der Vorrenaissance-Malerei erinnert, während in der Hintergrundebene verschiedene konische Elemente, die auf die Transzendenz anspielen, platziert sind.
Die Strenge in dieser Komposition unterstreicht die Ordnung in einer Welt, die nicht durch menschliche Ausschweifungen gestört werden kann.

Arturo Martini (Treviso, 1889 – Mailand, 1947)
Il poeta Cechov – (Der Dichter Tschechow), 1921-1922
Terrakotta, 47,5 x 68 x 31 cm
MART 2349
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Archiv Adriano Pallini im Mart

Als einer der originellsten Erneuerer des 20. Jahrhunderts hat Arturo Martini den Kanon der Bildhauerei revolutioniert. Seine Werke nehmen die Lehren der antiken und insbesondere der etruskischen Kunst auf und verarbeiten sie in einer außergewöhnlichen Vielfalt von thematischen und plastischen Lösungen.
Der Vergleich mit der Antike ist für die Künstler von grundlegender Bedeutung, die in der Zeit zwischen den beiden Kriegen das Bedürfnis haben, eine einfachere, ausgewogenere und verständlichere Sprache mit oft archaischen Zügen zu verwenden. In den 1920er Jahren begann Martini sich für Keramikskulpturen zu interessieren und etruskische Grabporträts zu studieren, die für ihn zu einer unverzichtbaren Referenz wurden.
Im Werk Il poeta Cechov erinnern die Pose, die stilisierten Linien der Drapierung des Hemdes und die Wahl des Ausschnitts knapp unterhalb der Schultern tatsächlich an die traditionellen Reliquienbüsten und Terrakotta-Sarkophagdeckel der antiken etruskischen Zivilisation.
Arturo Martini wurde 1889 in Treviso geboren. Nachdem er die Schule abgebrochen hatte, arbeitete er als Lehrling in einer Goldschmiede und anschließend in einer Keramikfabrik. Er unternahm zahlreiche Reisen, die ihn mit der internationalen Kunstszene in Kontakt brachten. Nach dem Ersten Weltkrieg und nachdem er die symbolistischen und expressionistischen Einflüsse seiner Anfangszeit hinter sich gelassen hatte, widmete er sich einer Art plastischem Purismus.
Die Werke der 1920er Jahre gehören zu einer Zeit großer Kreativität, in welcher der Künstler die Einflüsse der etruskischen und griechischen Skulptur mit denen der Meister des 13. und 14. Jahrhunderts verband und so eine neue Sprache mit einfachen Formen und weichen Farbtönen schuf.

Giorgio de Chirico (Volo, 1888 – Roma, 1978)
La matinée angoissante, 1912
Olio su tela, 81 x 65 cm,
Mart, Museo di arte moderna e contemporanea di Trento e Rovereto
Collezione VAF-Stiftung

“La parola metafisica, con la quale battezzai la mia pittura destò malintesi non trascurabili. La parola farebbe pensare che quelle cose che si trovano dopo le cose fisiche debbano costituire una specie di vuoto nirvanico. Pura imbecillità. Ciò che ho tentato in arte nessuno lo tentò prima di me: l’evocazione spettrale di quegli oggetti che l’imbecillità universale relega tra le inutilità”

Giorgio de Chirico dipinge i suoi primi quadri metafisici negli anni Dieci, ispirato dalla geometria delle piazze rinascimentali rilette in chiave onirica. La matinée angoissante è un paesaggio immobile, pervaso da un senso di attesa, dove la luce – vera protagonista del dipinto – illumina la facciata di un palazzo e proietta ombre misteriose in primo piano. Si tratta di una delle opere più importanti di de Chirico, dipinta a Parigi nel 1912, il periodo in cui l’artista dà vita a una tendenza d’avanguardia che rappresenta una meta-realtà, capace di rivelare presenze inquietanti e contenuti enigmatici proprio come fanno i sogni.
Il poeta Apollinare descrivere così questa pittura che vuole mostrare ciò che sta al di là dell’apparenza, cogliendo il mistero che si cela dietro le cose:
“Giorgio de Chirico esprime come nessuno ha mai fatto la melanconia patetica di una fine di bella giornata in qualche antica città italiana, dove in fondo a una piazza solitaria, oltre lo scenario delle logge, dei porticati e dei monumenti del passato, si muove sbuffando un treno (…)”.
Nel quadro, dove dell’uomo non c’è traccia, colpisce la fuga prospettica delle arcate sature d’ombra che corrono fino all’orizzonte nel biancore spettrale dell’edificio, la solitudine della piazza deserta, l’ombra della locomotiva ferma in primo piano che sottolinea l’immobilità del tempo.

Giorgio de Chirico (Volo, 1888 – Rom, 1978)
Autoritratto con la madre – (Selbstbildnis mit der Mutter), 1922
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Sammlung der VAF-Stiftung

Giorgio de Chirico wurde 1888 in Griechenland als Sohn italienischer Eltern geboren und in Athen ausgebildet, wo Ende des 19. Jahrhunderts die deutsche Kultur dominierte. Nach dem Tod seines Vaters zog er mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder nach München, wo er seine künstlerischen Studien perfektionierte. Im Jahr 1909 zog er nach Italien, das er bereits nach seiner Abreise aus Griechenland durchquert hatte. Zu Beginn ließ sich in Mailand und dann in Florenz nieder. Seit seiner Ausbildung war de Chirico ein internationaler Künstler, der später zwischen Paris, New York, Rom und anderen italienischen Städten lebte. Sein ständiges Umherschweifen ist eines der Hauptthemen seiner Poetik und spiegelt jene Entwurzelung wider, durch die er verschiedene Kulturen miteinander verschmelzen konnte: Seine italienischen und hellenischen Wurzeln und die deutsche Kultur des späten 19. Jahrhunderts, mit einem Schwerpunkt auf der Romantik.
Seine Mutter Gemma Cervetto ist eine sehr präsente Figur im Leben des Künstlers. Sie war eine charakterstarke Frau, die von ihren Kindern die Zentaurin genannt wurde und später ihren Nachnamen in Savinio änderte. Während ihrer Ausbildung begleitete sie Giorgio und Andrea ständig.
Im Jahr 1922 fertigte der Künstler ein gemeinsames Portrait an, auf dem sie mit weißem Haar in einer strengen Dreiviertel-Pose, die an die Ikonographie der Porträts des 15. Jahrhunderts erinnert, zu sehen ist. Hinter ihr blickt der Künstler zum Betrachter, sein Kopf lehnt spiegelverkehrt an dem seiner Mutter. Der Schauplatz folgt auch den antiken Vorbildern, die de Chirico geduldig in italienischen und französischen Museen kopiert hatte. Hierbei vertieft er das Studium der Technik, von dem er 1919 in einem Essay mit dem Titel „Il ritorno al mestiere“ (Die Rückkehr zum Handwerk) sprach. Dieses Gemälde ist ein perfektes Beispiel für den Prozess der Wiederaneignung des antiken Malkunst und der Identifikation mit der Rolle des pictor classicus, daher meint der Künstler, dass es „etwas ist, das im Louvre ausgestellt sein könnte“.

Mario Sironi (Sassari, 1885 – Mailand, 1961)
Il povero pescatore – (Der arme Fischer), (1924-1925)
Ölgemälde auf Leinwand, 101,5 x 76 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Kollektion L.F.

Zu Beginn der 1920er Jahre wurde im Gegensatz zur Avantgarde eine Gruppe von Künstlern, die die klassische Welt und ihre Werte wiederentdeckten, unter dem Namen Novecento Italiano von der Journalistin und Kunstkritikerin Margherita Sarfatti zusammengeführt, die 1923 eine Ausstellung in der Galleria Pesaro in Mailand organisierte. Die Künstler dieses ersten Ausstellungsprojekts waren Anselmo Bucci, Leonardo Dudreville, Achille Funi, Luigi Malerba, Pietro Marussig, Ubaldo Oppi und Mario Sironi, während an den folgenden Veranstaltungen immer mehr Autoren teilnahmen. Sarfatti erklärt die grundlegenden Merkmale, welche die von ihr ausgewählten Künstler verbinden: eine Rückkehr zum Konkreten, zum Einfachen, zum Endgültigen in der Malerei, durch „Klarheit in der Form und Gesetztheit in der Konzeption“. Die von diesen Künstlern bevorzugten Themen sind ausgesprochen traditionell: Stillleben, Mutterschaft, Porträt und Allegorie in einer häuslichen und beruhigenden Dimension des Alltags.
Mario Sironi ist einer der größten Interpreten des italienischen Novecento. In diesem Gemälde können einige Konstanten seiner Malerei beobachtet werden: die erdigen Töne der Farben und die starken Hell-Dunkel-Kontraste, die robuste Plastizität der Figur, die auf synthetische Weise und mit großer Betonung des Volumens dargestellt wird, das kompositorische Gleichgewicht, das der Szene Feierlichkeit verleiht, und nicht zuletzt das Thema der Würde der Arbeit, das dem Künstler am Herzen liegt.
Nach seiner anfänglichen Zugehörigkeit zum Futurismus entwickelte Sironi seinen persönlichen Stil, der aus dunklen Farben und der Aufmerksamkeit für konstruktive und kompositorische Solidität bestand. Diesen Stil entwickelte er auch im Bereich der Wandmalerei weiter, wobei er der Idee nachging, dass die Dekoration von Gebäuden ein wirksames Mittel zur Erziehung der Massen und ein Mittel zur Verbreitung der Werte des faschistischen Regimes sein könnte.

Marino Marini (Pistoia, 1901 – Viareggio, LU, 1980)
Pugile – (Boxer), (1933)
Bronze, 82 x 50 x 64 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Autonome Provinz Trient – Aufsichtsbehörde für Kulturgüter

Inspiriert von den archaischen Werken, die mit seinen toskanischen Wurzeln verbunden sind, schließt sich Marino Marini Ende der 1920er Jahre der Gruppe Novecento Italiano an. Seine Werke basieren auf etruskischen, griechischen und römischen Skulpturen, die im Einklang mit den von der Gruppe vertretenen Ideen auf moderne Weise überarbeitet wurden.
Der Pugile gehört zu einer Serie von Sportlerfiguren, die Marini in den 1930er Jahren verwirklichte. Das während der zwanzigjährigen faschistischen Herrschaft weit verbreitete Thema bezieht sich auf die griechisch-römische Welt, an die das Regime wieder anknüpfen will. Der Künstler entzieht dem Thema jeden rhetorischen Ton und interpretiert die Lehren der Antike, insbesondere die der etruskischen Kunst, auf originelle Weise neu. Aus diesem persönlichen Dialog mit der Tradition ergibt sich die archaische Festigkeit der Skulptur, die durch den wesentlichen Schnitt der auf den Torso und einen Teil der Gliedmaßen reduzierten Figur betont wird, als handele es sich um ein archäologisches Fragment.
Der Künstler selbst hebt seine Verbundenheit mit der antiken Kunst und sein Bestreben hervor, mit ihr eine moderne, alternative Sprache zur Avantgarde zu entwickeln:
„Ich betrachte die Etrusker aus demselben Grund, aus dem die gesamte moderne Kunst die unmittelbare Vergangenheit übersprungen hat und sich dem authentischsten Ausdruck einer jungfräulichen und weit entfernten Menschheit zuwendet. Die Übereinstimmung ist nicht nur kulturell, sondern wir streben nach einer Elementarität der Kunst“

Felice Casorati (Novara, 1883 – Turin, 1963)
Beethoven, 1928
Öl auf Leinwand, 139 x 120 cm,
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Sammlung der VAF-Stiftung

Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen posiert neben einem Notenblatt, auf dem Beethoven, der Titel des Bildes, geschrieben steht. Das Mädchen steht regungslos da, hinter ihr ein großer Spiegel, der ihr Bild verdoppelt und ihre Umgebung, nicht aber den kleinen Hund zu ihrer Linken reflektiert, der in Wirklichkeit eine Gipsskulptur im Atelier des Malers ist. Die Statik der Szene und die Art der Darstellung der Gegenstände verleihen diesem Gemälde von Felice Casorati eine geheimnisvolle Aura: Die Skulptur des kleinen Hundes, die Gitarre, der Spiegel, die Verzauberung des Spiegelbildes gehören zur Poetik des Magischen Realismus, einer Tendenz, die der deutschen Neuen Sachlichkeit verwandt ist. Der Widerspruch im Namen, den der Kritiker Franz Roh 1925 prägte, drückt perfekt den Sinn dieses Gemäldes aus, welches das fast fotografische Abbild der Realität mit einem Gefühl der Verwunderung und des Schwebens, der Melancholie und der Einsamkeit begleitet, als wäre es durch einen Zauber entstanden.
In der Tat stellt der Künstler gewöhnliche Gegenstände dar, indem er sie durch den Zauber der Malerei und die Beziehung, die zwischen den gemalten Bildern und dem Blick des Betrachters entsteht, verklärt.
Casorati ist einer der bedeutendsten italienischen Interpreten dieser Strömung und erreicht die volle Reife seiner malerischen Ausdruckskraft mit einem nüchternen und ruhigen Stil, der sich durch eine Synthese aus der Kunst des 15. Jahrhunderts von Piero della Francesca und Cézannes Reduktion der Formen auf geometrische Körper auszeichnet.
„Ich möchte die Freude verkünden können, die verzauberten und stillen Seelen, die stillen und stummen Dinge, die langen Blicke, die tiefen und klaren Gedanken, das Leben der Freude und nicht des Schwindels, das Leben des Schmerzes und nicht der Atemlosigkeit auf der Leinwand festzuhalten.“

Carlo Carrà (Quargnento, AL, 1881 – Mailand, 1966)
Ciò che mi ha detto il tram – (Was mir die Straßenbahn sagte), 1911
Ölgemälde auf Leinwand, 53 x 67 cm
MART 968, VAF 0716
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Sammlung der VAF-Stiftung

Als Reaktion auf Filippo Tommaso Marinettis Appell in seinem Manifest von 1909 unterzeichnete Carlo Carrà das Technische Manifest der futuristischen Maler, in dem es hieß, dass es „keine Malerei ohne Divisionismus geben kann“.
Das geteilte Zeichen mit seinen Bahnen und wellenförmigen Verläufen ist funktional für die Darstellung von Dynamik: Mit reinen, leuchtenden Farben, die in kleinen Strichen oder ausgefransten Pinselstrichen aufgetragen werden, stellen die Futuristen die frenetische Bewegung des modernen Lebens dar. Elektrisch beleuchtete Straßen und wimmelnde Menschenmassen während der Stoßzeiten gehören zu ihren Lieblingsthemen, die dem Traditionellen und „Vergangenen“ entgegengesetzt werden.
In Ciò che mi ha detto il tram übernimmt Carrà die Prinzipien der Vielfalt der Blickwinkel und der räumlich-zeitlichen Gleichzeitigkeit, da er der Überzeugung ist, dass die Vision „die Synthese dessen ist, woran man sich erinnert und was man sieht“. Es ist also eine Visione, in der Raum und Zeit gemäß einer neuen Konzeption der Realität, die den Theorien Einsteins und der Idee der inneren Dauer des Philosophen Henri Bergson entspricht, verschmelzen und relativ werden.
Carrà nahm von 1909 bis 1915 an der futuristischen Bewegung teil und experimentierte in dieser Zeit mit der Sprache der Avantgarde, indem er Bilder malte, in denen sich die Figuren in einem Chaos aus sich verschiebenden Ebenen und sich durchdringenden Formen auflösten.

Giacomo Balla (Turin, 1871 – Rom, 1958)
Linee forze di paesaggio + giardino – (Zwangslinien von Landschaft + Garten), 1918
Tempera auf Leinwandpapier, 55 x 77,5 cm,
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Sammlung der VAF-Stiftung

Das Vorhandensein von mathematischen Zeichen im Titel dieses Werks von Giacomo Balla bezieht sich auf die Verwendung von mathematischen Zeichen in der Schrift, die Marinetti in seinem Manifest Lo splendore geometrico e meccanico e la sensibilità numerica (Die geometrische und mechanische Schönheit und die nummerische Sensibilität) vorschlägt.
Linee forze di paesaggio + giardino zeigt eine Verflechtung von organischen und künstlichen Elementen in einer Kombination aus hellen Farben, die Balla in mehreren Farbvariationen dekliniert und dieses Gemälde in anderen Versionen wiedergibt.
Ausgehend vom Divisionismus von Segantini und Pellizza da Volpedo in einer sozialen Tonart schloss sich Balla dem Futurismus an und entwickelte seinen persönlichen Stil, der auf dem Studium der Bewegung, der Farbe und der Zersetzung des Lichts beruhte und allmählich zu abstrakten geometrischen Kompositionen gelangte.
Im Manifest „Futuristische Rekonstruktion des Universums“, das er 1915 zusammen mit Depero verfasste, heißt es: „Wir werden dem Unsichtbaren, dem Ungreifbaren, dem Unwägbaren, dem Unwahrnehmbaren ein Skelett und Fleisch geben, wir werden abstrakte Äquivalente aller Formen und Elemente des Universums finden und sie dann nach den Launen unserer Inspiration zu plastischen Komplexen zusammenfügen, die wir in Bewegung setzen werden“, und weiter: „(…) eine abstrakte Landschaft aus Kegeln, Pyramiden, Polyedern, Spiralen aus Bergen, Flüssen, Licht und Schatten“.
Ballas neue Form der Landschaftsdarstellung ist daher in eine ideale Rekonstruktion des Universums eingebettet und wird von einer kinetischen, festlichen und farbenfrohen Vision geleitet, in der sich natürliche und mechanische Elemente miteinander verbinden.

Gino Severini (Cortona, AR, 1883 – Paris, 1966)
Ritratto di Madame M.S. – (Porträt von Madame M.S.), (1913-1915)
Pastell auf Karton auf Leinwand, 92,5 x 65 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Kollektion L.F.

Der am Ende des 19. Jahrhunderts geborene Toskaner Gino Severini erhielt seine Ausbildung im Atelier von Giacomo Balla und ging 1906 nach Paris, wo er in das rege künstlerische Leben der französischen Hauptstadt eintauchte, die damals die Wiege der Avantgarde war.
Sein Umzug nach Frankreich hinderte ihn nicht daran, sich am Futurismus zu beteiligen. Im Jahr 1910 gehörte er zu den Unterzeichnern des ersten Manifests der futuristischen Maler. Die urbane Szene ist das Hauptthema in vielen seiner Werke, in denen der Künstler die Dynamik des Lebens in der Metropole darstellt: ein sich ständig wandelndes Szenario.
Das Ritratto di Madame M.S. gehört zu einer Serie von Porträts, die Madame Meyer-See, der Frau eines bekannten Londoner Kunsthändlers, gewidmet sind und von Severini zwischen 1913 und 1915 angefertigt wurden. Dieses in Pastell ausgeführte Werk ist eines der ersten Beispiele für die Anwendung der futuristischen Theorie auf das Genre des Porträts. Im Gegensatz zu den urbanen Szenarien der von Menschenmassen überfluteten Boulevards kehrt Severini hier die Bedingungen des Problems um: Durch eine dynamische und simultane Vision ist nicht mehr das Subjekt in Bewegung, sondern die Art und Weise, wie es beobachtet wird. Der Künstler verwendet mehrere Blickwinkel, welche die Figur wie in den kubistischen Porträts in einer prismatischen Vision aufbrechen und vervielfältigen, nur dass helle und lebendige Farben vorherrschen, die für die futuristische Malerei charakteristisch sind.
Die verschlungenen Striche aus dem Divisionismus bilden die gleitenden Fragmente der Figur von Frau Meyer-See, die an ihrem blauen Kleid, der weißen Bluse mit Rüschen, den blonden Locken, dem großen Federhut und dem kleinem Hund auf ihrem Schoß erkennbar ist.

Tullio Crali (Igalo, 1910 – Mailand, 2000)
Le forze della curva – (Die Kräfte der Kurve), 1930
Öl auf Karton, 71×102,
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto

Das Thema der Dynamik steht auch im Mittelpunkt der Forschungen der futuristischen Künstler in der zweiten Phase der Bewegung (zwischen den 1920er und 1930er Jahren), so dass einige von ihnen zu wagemutigen Flugzeugpiloten werden. So entsteht 1929 die sogenannte Luftmalerei: eine Tendenz, die mit den neuen Verkehrsmittel eine neue Art von Vision ohne Zentrum, Schwerkraft und Dynamik einführt und, wie Tullio Crali, mit schwindelerregenden Blickwinkeln experimentiert.
Als Liebhaber von Geschwindigkeit übersetzt der Luftmaler Crali die Dynamik moderner mechanischer Mittel in eine fast abstrakte Dimension, die von Bahnen durchzogen ist, welche die Bewegungsrichtungen angeben und eine lyrische Verklärung der mit der dynamischen Erfahrung verbundenen Empfindungen darstellen. Wie jedes Verkehrsmittel symbolisiert das Auto die Faszination für Geschwindigkeit und Kraft der Maschine. Mit der Wahl des Titels lenkt der Künstler die Aufmerksamkeit vom Objekt auf die Bewegung, die es im Raum erzeugt: Die abstrakten Formen, die sich aus der stilisierten Frontseite des fahrenden Autos entwickeln, weisen auf die Kraftlinien hin, die seine dynamische Energie ausdrücken.
Tullio Crali hat sein ganzes Leben als Futurist gelebt und gemalt: „Nach so vielen Jahren habe ich immer noch den Futurismus in mir“. Die Faszination der Bewegung, die Liebe zur Geschwindigkeit, die Leidenschaft für den Flug, das Gefühl für den Raum, das Interesse an der Moderne und den Erfindungen des Menschen werden immer im Mittelpunkt seiner künstlerischen Forschung stehen.

Fortunato Depero (Fondo, TN, 1892 – Rovereto, TN, 1960)
Movimento d’uccello – (Bewegung des Vogels), 1916
Öl, Tempera und Emaille auf Leinwand, 100 x 135 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Fonds Depero

Als Fortunato Depero 1913 in Rom ankam, trat er mit den Futuristen in Kontakt und experimentierte mit neuen abstrakt-geometrischen Formen, die in der Lage waren, Gemütszustände, Klänge und Farben darzustellen. Diese synästhetische Kunstauffassung nimmt vor allem in seinen verlorenen gegangenen plastisch-dynamischen Komplexen Gestalt an.
Gemeinsam mit Giacomo Balla unterzeichnete er 1915 das Manifest der futuristischen Rekonstruktion des Universums, in dem von einer radikalen Umgestaltung aller Künste die Rede ist: von Möbeln bis zur Mode, vom Kino bis zum Theater, von der Musik bis zum Tanz, vom Werbeplakat bis zur Gestaltung des Gebrauchsgegenstands. In dem Dokument erklären die beiden Künstler: „Wir werden die abstrakten Äquivalente aller Formen und Elemente des Universums finden und sie dann nach den Launen unserer Inspiration miteinander kombinieren“
Dieses Konzept wird perfekt Umsetzung im Gemälde Movimento d’uccello umgesetzt, in dem die Anatomie des Vogels den Ausgangspunkt für eine fantastische Rekonstruktion seiner Bewegung durch stilisierte, fast abstrakte Formen bildet. Ein Fächer aus Scheiben, die in leuchtenden Farben bemalt sind, bildet eine Abfolge, die an die Flügel eines großen Vogels im Flug erinnert.
Mit seinem Malstil der Volltonfarben führte Depero eine neue plastische Synthese der Formen mit einer Durchdringung der Flächen mit scharfen Konturen ein. Gegenüber den fließenden, nuancierten Pinselstrichen des frühen Futurismus zieht er eine Komposition aus gleitenden Flächen vor, die eine fast plastische Festigkeit annehmen.

Manlio Rho (Como, 1901 – 1957)
Composizione – (Komposition), 1936
Olio su tavola, 60 x 50 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Sammlung der VAF-Stiftung

In den frühen 1930er Jahren wurde Mailand dank der Aktivitäten der Galleria Il Milione zum Zentrum der abstrakten Kunst. Bis dahin hatten sich in Italien nur wenige futuristische Forschungen dieser neuen Ausdrucksform durch die progressive Stilisierung und Synthese der Realität genähert. Um die Entstehung einer völlig unabhängigen Sprache von den Formen der Realität zu beobachten, muss man auf die geometrische Abstraktion bestimmter Künstler wie Manlio Rho warten.
Der in Como geborene Rho ist Maler und Designer von bedruckten Stoffen, die von der Avantgarde-Grafik und der neuen rationalistischen Architekturforschung beeinflusst sind und sich wie die abstrakte Malerei auf die Komposition wesentlicher und geometrischer Formen konzentriert.
In den 1920er Jahren nahm er an einem regen kulturellen Austausch mit der europäischen Abstraktion teil und legte zusammen mit den Architekten Giuseppe Terragni und Alberto Sartoris sowie mit dem Maler Mario Radice den Grundstein für die Entstehung der abstrakten Gruppe von Como.
Seine ersten nicht-figurativen Werke entstanden in den frühen 1930er Jahren und zeigen einen eleganten Sinn für Farbe und Harmonie der Formen. Die Malerei von Rho zeichnet sich durch eine Synthese aus strenger Geometrie und klarer Farbgebung mit Volltönen aus. Die so abgegrenzten Formen schaffen ein Spiel der Gleichgewichte, das gemäß der von seinem Landsmann Terragni entwickelten Idee der Architektur seine Aufmerksamkeit für das Konzept des Raums offenbart.

Fausto Melotti (Rovereto, TN, 1901 – Mailand, 1986)
Contrappunto domestico – (Häuslicher Kontrapunkt), 1973
Stahl, 220 x 286 x 29 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto

Zu den Künstlern in der Milione-Galerie gehört auch Fausto Melotti, der seine ersten abstrakten Skulpturen in der Mailänder Galerie ausstellte.
Der in Rovereto geborene Melotti studierte Physik und Mathematik an der Universität Pisa, bevor er 1924 sein Ingenieurstudium am Polytechnikum Mailand abschloss. Parallel dazu studierte er Klavier und besuchte ab 1928 die Akademie der Schönen Künste in Brera, wo er sich auf Bildhauerei spezialisierte. In den 1930er Jahren schloss er sich der Abstraction-Création-Bewegung an und begann Werke mit geometrischen Formen zu schaffen, die von den Sprachen der Musik und der Mathematik inspiriert waren: Es sind sehr innovative Werke, die leider von der Öffentlichkeit und der Kritik nicht verstanden wurden. Aus diesem Grund zog er es vor, sich einige Jahre lang ausschließlich der Keramik zu widmen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich Melotti wieder der Bildhauerei zu, wobei er metallische Materialien auf neue Weise verwendete, wie in Contrappunto domestico zu sehen ist. Das Werk zeichnet sich durch eine fadenförmige Struktur aus, die eine rhythmische, partiturartige Skandierung in den Raum zeichnet. Die im orthogonalen Raster aufgehängten Metallbleche erinnern an die Noten auf einem Pentagramm.
Der Künstler befreit die Skulptur von der traditionellen Schwere der Materie und entscheidet sich für schlanke Formen, die mit der Leere des Raums dialogieren und oft an Drähten hängen, die sie leicht schwingen lassen. Die in die Bleche geschnittenen geometrischen Formen betonen die Leuchtkraft dieser Skulptur und ihr empfindliches Gleichgewicht zwischen Ordnung und Instabilität.

Fausto Melotti (Rovereto, TN, 1901 – Mailand, 1986)
Scultura n. 23 – (Skulptur Nr. 23), 1935
Gips, 90,5 x 90,5 x 8 cm
Mart, Museum für moderne und zeitgenössische Kunst von Trient und Rovereto
Autonome Provinz Trient – Aufsichtsbehörde für Kulturgüter

„Der Künstler muss an etwas glauben, ich denke aber, er muss ihn auch verraten. Andernfalls sieht er sich gefangen in seinem Tabernakel, verurteilt zu einem gleichgültigen Gleichgewicht, als befände er sich auf einer vollkommen horizontalen Ebene. Der Ball lebt, wenn er unten rollt oder hoch geworfen wird.“
Fausto Melotti ist ein Bildhauer, Musiker, Maler und Dichter mit einem doppelten technisch-wissenschaftlichen und künstlerischen Hintergrund, der der abstrakten Gruppe der Galleria Il Milione nahe steht und für die Einflüsse der rationalistischen Architektur empfänglich ist. Der Einfluss der Musik, die durch ihre mathematischen Gesetze sein Konzept der harmonischen Komposition inspiriert, ist in seinem Werk konstant präsent.
Er selbst schrieb in der Einleitung zum Katalog seiner ersten Einzelausstellung 1935: „Kunst ist ein engelhafter, geometrischer Geisteszustand. Sie richtet sich an den Intellekt und nicht an die Sinne […] Nicht die Modellierung, sondern die Modulation ist wichtig. Es handelt sich nicht um ein Wortspiel: Modellierung kommt von Modell = Natur = Unordnung; Modulation kommt von Modul = Kanon = Ordnung.“
Bei der Scultura n. 23 handelt es sich um ein monochromes Gipsrelief, das in einer streng geometrischen Ordnung geformt wurde und genau auf diesem Konzept der Modulation basiert. Wie architektonische Module mit unmerklichen Variationen, die durch Licht und Schatten entstehen, verfolgen sich Körper und Leerräume. Ein scheinbar stiller weißer Raum, der in Wirklichkeit durch den Rhythmus der Geometrien, die den orthogonalen Raum des Quadrats unterbrechen, lebendig wird.